Mein Training hat begonnen: besser mit Ärger umgehen
Seit einigen Jahren habe ich ein für mich hilfreiches Zitat, einen Rat übernommen. Von einem anderen großartigen Berater und Trainer: Jens Corssen, Jahrgang 1942, Psychologe, Berater, Autor. Eins seiner empfehlenswerten Programme heißt „Der Selbstentwickler“.
Das Zitat von ihm:
Mein Training hat begonnen.
Das ist eins meiner neuen Mantren. Heißt: Das sage ich mir täglich auf, wenn’s ein wenig eng wird bei mir und/oder ich platzen könnte.
Was passiert im Außen?
Die Superkurzversion ist: Ich erlebe etwas, fange an, mich aufzuregen und mein Gegenüber zu verurteilen, vielleicht sogar ihn anzuschnauzen. („Was für eine Frechheit!“ „Beachte die StVO!“ „So etwas Respektloses, mach Platz!“ usw.)
Was passiert im Innen?
In Sekundenbruchteilen passiert unbewusst Folgendes: Aufgrund von Sozialisation und Glaubenssätzen interpretiere und bewerte ich die Handlung, die Worte eines anderen, ziehe meine Schlüsse daraus und re-agiere, meist im Kampfmodus. Warum? Weil meine alte Schmerzkindseite getriggert ist. Nochmal: alles in Sekundenbruchteilen und eher unbewusst, ein riesiger Mischmasch.
Erklärung
Mein unbewusster Trigger löst „Alarm“ aus. Der kreative, bewusste Teil des Hirns, der Präfrontalkortex, wird runtergefahren, das Stammhirn (oder auch Reptilienhirn) wird hochgefahren und schaltet den „Überlebensmodus“ ein: kämpfen, fliehen, totstellen.
Aufgrund meines Temperamentes und meines Weges habe ich mich (unbewusst) schon früh als junger Jugendlicher für Kampf, Rebellion, Aggression „entschieden“. Folge: Stress, Anspannung, Adrenalin, Kampfhaltung, finsterer Blick, laut werden usw.
Nehmen wir es mal auseinander! Was war geschehen?
Als möglichst neutrale Version: Ein Mensch macht eine Körperbewegung oder sagt etwas in Richtung eines anderen Menschen. So oder so ähnlich wären das emotionslos „die reinen Fakten“.
(Konkretes Beispiel von mir: Ich bin mit dem Rad auf dem Radweg einer vorfahrtsberechtigten Hauptstraße unterwegs. Ein*e Autofahrer*in fährt vor meiner Nase von einer nicht vorfahrtsberechtigten Straße von rechts auf „meinen“ Radweg und steht da. Früher: Ich werde wild und fange an, den Fahrer lauthals zurechtzuweisen.)
Meine Schmerzkindseite hat noch immer einen „Rucksack“ voller schmerzender Erfahrungen, Bewertungen, Gefühle und Schutzmechanismen von damals auf. Also übernimmt diese Kind-Seite „die Regie“, und ich mache im Hier und Jetzt als Erwachsener mit der Situation etwas Individuelles: Ich interpretiere, bewerte und beschuldige, wehre mich. Gegen „die Bedrohung“, gegen den projizierten „Feind“.
Ich bin auf dem Entwicklungsweg
Natürlich bin ich als Erwachsener im Hier und Jetzt auf meinem Weg der Klärung, der Annahme, der Transformation und der Selbstliebe. Und: Das braucht Zeit. Individuell viel Zeit: zum Identifizieren der Trigger, zum Ansehen, bejahend fühlen (R. Betz), annehmen, transformieren, mir verzeihen, dass ich diesen ganzen Trubel mir selbst zugefügt hab, meinen Eltern verzeihen, dass sie mich damals (neben aller Zuwendung, Kreativität, Freude und allem Gutmeinenden) auch mit diesen belastenden Verhaltensweisen, Worten und Gefühlen bedrängt haben … Ich bin dabei, ich bin auf dem Weg, seit Jahren. Es wird immer klarer, selbstfürsorglicher und leichter.
Zurück ins Hier und Jetzt
Mein Training hat begonnen.
Was übe ich nun, was ich dir auch ans Herz lege? Nun verwandle ich den oben beschriebenen Vorgang wie folgt:
0. Vielleicht bemerke ich „den alten Arndt“, wie er sich verkrampft und losbrüllen will. Ist ok, ich nehme wahr – und tue es nicht. Ich atme tief und löse meine Schultern. Monatelange Übungssache.
1. Ich entzerre ihn, indem ich innerlich oder auch laut „Stopp“ rufe und innehalte. Allein das ist schon die größte Übung. Wozu? Selbstachtung, Selbstfürsorge, Zeit zum Atmen, Klären, Fühlen und Denken gewinnen.
2. Ich übe dann über Wochen, Monate und Jahre, mir jetzt den Satz zu sagen: „Arndt, mein Training hat begonnen.“
Warum? Was geschieht nun?
Bei meinem projizierenden Gemecker schiebe ich „dem Idioten“ die Verantwortung für die ganze Situation und meinen Ärger zu (was ja eigentlich nur meine Hilflosigkeit ist).
Ja, mein Gegenüber ist für sein Handeln und Sprechen verantwortlich; auf jeden Fall.
Und: Nein, er ist nicht für mich, meine Interpretationen, Gedanken, Gefühle und Re-Aktionen verantwortlich.
Ja, du ahnst es schon: Nur ein Mensch auf der Welt ist für mein Handeln, Fühlen, Denken und Sprechen verantwortlich … ich.
Das Hilfreiche an dieser Selbstverantwortung ist: Du kannst mit Geduld, Entschiedenheit und Energie dein Verhalten, deinen Weg selbst lenken und verändern.
Dadurch, dass du dir nun den Satz sagst „… (dein Name), mein Training hat begonnen“, kommst du aktiv aus dem unbewussten Kampf- und Meckermodus in einen Verantwortungs- und Kreativmodus. Heißt: Was kannst du nun mit der Situation machen, wie kannst du sie produktiv gestalten?
Das braucht nun etwas Zeit und Übung. Am Anfang wird dir möglicherweise die Idee für eine neue, konstruktive Verhaltensweise erst einfallen, wenn du später etwas abgedampft bist und die Szene nochmal bewegst. Verbunden mit der Frage: Was hätte ich passender, entspannter, fairer machen können?
Ja, nachher sind wir immer schlauer.
Doch das ist Übungssache. Denn: Nach dem Konflikt ist vor dem Konflikt.
Also: Leg dir in einem entspannteren Moment den Knaller nochmal vor und beweg in Ruhe: Was hätte ich konstruktiver machen können?
Mein Fahrradverkehr-Beispiel von oben: Ich fahre an Seitenstraßen langsamer. Ich fahre vorausschauend. Ich nehme Blickkontakt mit den Autofahrern auf. Ich halte gegebenenfalls an. Usw. Das ist meine Übung. (Auch wenn mir eine alte Stimme in meinem inneren Team erzählt: „Ja, aber der hätte doch …“ Ok.) Mein Training. Proaktiv, erwachsen und selbstfürsorglich.
Kennst du das?
Wenn du das kennst, schreib mir gerne eine E-Mail.
Wenn du Unterstützung im Einzeltraining wünschst, für Klärung, Kommunikation, mehr Sicherheit, Konstruktivität, Leichtigkeit und Verbundenheit: melde dich. Dafür bin ich da: zum Beitragen, Klären, Begleiten, Beraten und Trainieren.
Herzliche Grüße
Arndt
Trainer für Stimme und Körpersprache, Kommunikationscoach, Fachbuchautor, Trainer für Konfliktklärung (GFK), Schauspieler, Sprecher, Regisseur. Arndt Schwichtenberg lebt und arbeitet in Hannover. 